Wenn Frauen an Gefahr denken, sehen sie meist einen Fremden vor sich: dunkle Straße, Unterführung, Schritte im Rücken. Die Zahlen zeigen ein anderes Bild. Der häufigste Fall ist ein Übergriff durch Bekannte. Der Täter ist ein Kollege, ein Freund aus der Clique, ein Date, der Ex oder der eigene Partner. Er kennt deinen Alltag, er weiß, wann du allein bist, und er weiß, dass du ihm vertraust.
Dieser Artikel benennt das offen. Du erfährst, was die Statistik zu Übergriffen durch Bekannte sagt, welche Warnsignale es gibt, warum der Körper oft anders reagiert, als du es dir vornimmst, und was du tun kannst, wenn es passiert ist. Eines steht dabei von Anfang an fest: Die Verantwortung trägt immer der Täter. Kein Satz in diesem Text ändert daran etwas.
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Übergriff durch Bekannte: Was die Zahlen zeigen
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 ist deutlich: Bei Vergewaltigungen sind 98,6 % der Tatverdächtigen männlich, und überwiegend handelt es sich um Freunde, Bekannte oder (ehemalige) Partner. Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen stieg 2025 um 9,0 %, seit 2018 um rund 72 %.
Für München ist es noch konkreter. Laut Sicherheitsreport 2025 des Polizeipräsidiums München gab es 384 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Übergriff im besonders schweren Fall, ein Plus von 22,8 %. In 76,6 % dieser Fälle kannten sich Täter und Opfer vorher. Der Übergriff durch Bekannte ist in unserer Stadt also die Regel und der Fremde die Ausnahme.
Was hinter den angezeigten Fällen steht
Angezeigt wird nur ein kleiner Teil, auch beim Übergriff durch Bekannte. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA (BKA und Bundesministerien, Februar 2026) kommt auf eine Anzeigequote von 3,0 % bei sexuellen Übergriffen gegen Frauen, die BKA-Befragung SKiD auf 6,2 % bei Vergewaltigung und Missbrauch. 17,8 % aller Frauen haben laut LeSuBiA mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt, 5,8 % eine Vergewaltigung.
Die Rechnung dazu ist einfach. 2024 wurden 19.082 Frauen und Mädchen als Opfer von Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder sexuellem Übergriff angezeigt (BKA-Lagebild). Geteilt durch die Anzeigequote von 6,2 % bzw. 3,0 % ergibt das rund 308.000 bis 636.000 Frauen und Mädchen pro Jahr in Deutschland, also 840 bis 1.740 an jedem einzelnen Tag. Das ist eine Untergrenze, weil wiederholte Taten an derselben Person darin nur einmal zählen.
Gerade beim Übergriff durch Bekannte schweigen viele. Wer den Täter kennt, hat oft gemeinsame Freunde, denselben Arbeitsplatz oder sogar Kinder mit ihm. Die Angst, dass niemand glaubt, wiegt dann doppelt.
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Warum ein Übergriff durch Bekannte so schwer zu erkennen ist
Bei einem Fremden schlägt dein Bauchgefühl schneller an als bei einem Übergriff durch Bekannte. Bei jemandem, den du kennst, arbeitet dein Kopf gegen dich. Du suchst Erklärungen: Er hat getrunken, er meint es nicht so, er war doch immer nett. Genau diese Vertrautheit nutzt ein Täter aus.
Dazu kommt die soziale Rolle. Unhöflich sein, eine Feier verlassen, einen Kollegen zurückweisen, all das kostet etwas. Viele Frauen bleiben deshalb länger in einer Situation, die sich schon falsch anfühlt. Das ist kein Fehler der Frau. Der Täter rechnet mit dieser Höflichkeit und plant mit ihr.
Großmeister Dusan Drazic erklärt in seinen Kursen deshalb zuerst, wie Täter vorgehen und wie sie sich ihr Opfer aussuchen. Wer das Muster einmal verstanden hat, erkennt die Vorstufen zu einem Übergriff durch Bekannte auch bei einem Menschen, den sie mag. Mehr dazu, woran Täter ihre Opfer auswählen, findest du im Artikel über Opferausstrahlung.
Warnsignale bei einem Übergriff durch Bekannte
Ein Übergriff durch Bekannte beginnt selten aus dem Nichts. Häufig testet der Täter vorher, wie weit er gehen kann. Achte auf diese Muster:
- Grenzen werden im Kleinen getestet. Eine Berührung, die du nicht wolltest, ein Kommentar, eine Hand, die zu lange bleibt. Er beobachtet, wie du reagierst.
- Ein Nein wird überhört oder weggelacht. Wer schon beim Getränk, beim Tanzen oder beim Heimbringen dein Nein übergeht, zeigt dir, wie er mit Grenzen umgeht.
- Er drängt auf Alleinsein. „Ich bring dich noch hoch“, „Komm kurz mit raus“, „Die anderen sind eh schon weg“: Er sucht einen Ort ohne Zeugen.
- Alkohol wird nachgeschenkt. Er bestellt die nächste Runde, obwohl du ablehnst, oder hält dein Glas im Blick.
- Er isoliert dich. Er redet deine Freundinnen schlecht, will, dass du früher gehst als die Gruppe, oder spielt euch gegeneinander aus.
- Er macht Druck mit Schuld. „Nach allem, was ich für dich getan habe“, „Du hast doch angefangen“: Damit verschiebt er die Verantwortung auf dich.
Kein einzelnes Signal beweist etwas. Wenn mehrere zusammenkommen, nimm dein Bauchgefühl ernst. Das Prinzip, das Dusan Drazic für die Straße lehrt, gilt hier genauso: Ist eine Situation unklar, nimm den anderen Weg. Geh mit der Gruppe, ruf dir ein Taxi, schreib einer Freundin, wo du bist. Du musst niemandem erklären, warum du gehst.
Was Studien über Übergriffe durch Bekannte und Training sagen
Die stärkste Studie zu diesem Thema stammt aus Kanada. Im Programm EAAA (Senn u. a., New England Journal of Medicine, 2015) lernten 893 Studentinnen, Risiken bei Männern aus ihrem Umfeld einzuschätzen, Warnsignale zu erkennen und verbal wie körperlich zu handeln. Nach einem Jahr lag die Rate vollendeter Vergewaltigungen bei 5,2 % mit Training gegenüber 9,8 % ohne. Versuchte Vergewaltigungen sanken von 9,3 % auf 3,4 %.
Eine große US-Auswertung (Tark und Kleck, 2014) zeigt außerdem: Körperliche und nicht körperliche Gegenwehr senkten das Risiko einer vollendeten Vergewaltigung und erhöhten das Verletzungsrisiko nicht.
Eine Frau, die sich nicht wehren konnte, hat nichts falsch gemacht. Wer vorher geübt hat, hat im Ernstfall einfach mehr Möglichkeiten. Ein Kurs gibt dir Werkzeuge und Übung, eine Garantie kann dir niemand geben.
Erkennen, ausweichen, dann handeln. So trainieren wir Selbstverteidigung für Frauen in der Wörthstraße 9 in Haidhausen. Das Probetraining ist kostenlos.
Warum dein Körper vielleicht erstarrt
Viele Frauen, die einen Übergriff durch Bekannte erlebt haben, machen sich hinterher Vorwürfe: Warum habe ich nichts getan? Die Antwort liegt im Körper. Bei einer Bedrohung reagiert er mit Erstarren, also der Schockstarre, oder mit Kampf oder Flucht. Adrenalin schießt ein, das Herz rast. Das ist eine natürliche Schutzreaktion.
Bei einem Menschen, dem du vertraust, ist das Erstarren besonders häufig, weil dein Kopf die Gefahr erst gar nicht glauben will. Wer erstarrt, hat nicht zugestimmt. Ausführlich erklären wir das im Artikel Warum du im Ernstfall erstarrst.
Im Kurs erklärt Dusan diese Reaktionen ganz am Anfang, bevor die erste Übung beginnt. Wer weiß, was im Körper passiert, kann im Training lernen, aus der Starre herauszukommen.
Nach einem Übergriff durch Bekannte: Was du tun kannst
Wenn es zu einem Übergriff durch Bekannte gekommen ist, gibt es kein richtiges oder falsches Fühlen. Diese Schritte helfen dir, deine Möglichkeiten offenzuhalten:
- Bring dich in Sicherheit. Bei akuter Gefahr wähle 110.
- Hol dir Unterstützung. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, anonym und in vielen Sprachen. In München berät der Frauennotruf München unter 089 763737.
- Lass Spuren sichern, auch ohne Anzeige. Die Rechtsmedizin der LMU in der Nußbaumstraße 26 bietet eine vertrauliche Spurensicherung an (089 2180-73011). Seit November 2025 zahlt das die Krankenkasse. Die Spuren werden aufbewahrt, sodass du später in Ruhe entscheiden kannst.
- Halte fest, was passiert ist. Nachrichten, Fotos von Verletzungen, Datum und Uhrzeit. Speichere alles an einem sicheren Ort.
- Schütz dich vor weiteren Kontakten. Nach dem Gewaltschutzgesetz kannst du beim Familiengericht ein Kontakt- und Näherungsverbot beantragen. Die Beratungsstellen helfen dir dabei.
Ob du nach einem Übergriff durch Bekannte Anzeige erstattest, entscheidest allein du. Niemand darf dich drängen, in die eine oder andere Richtung.
Wie wir im Kurs damit arbeiten
In den Crashkursen Selbstverteidigung für Frauen (SVF-1 Distanz, SVF-2 Kontakt, SVF-3 Bodenlage, jeweils samstags 14 bis 17 Uhr) beginnt Dusan Drazic mit dem Theorieteil: wie Täter vorgehen, wie sie ihre Opfer auswählen, was passiert, wenn du dich wehrst, und was, wenn nicht. Danach folgen einfache Übungen.
Selbstverteidigung funktioniert nicht ohne Berührung, das sagt Dusan vorher klar. Die Frauen üben untereinander, greifen zu, umklammern fest und drücken, damit jede spürt, wie sich echter Druck anfühlt. Wer wissen will, ob es auch gegen einen stärkeren Mann geht, kann das mit ihrer Erlaubnis bei Dusan selbst ausprobieren. Im Raum sind nur die Teilnehmerinnen, Dusan und seine Assistentin. Jede Stunde gibt es eine kurze Pause, und du kannst jederzeit aussetzen.
Gerade beim Übergriff durch Bekannte zählt die Kontaktdistanz, weil der Täter schon nah bei dir ist, bevor du die Gefahr erkennst. Deshalb üben wir, aus einer Umklammerung oder vom Boden wieder hochzukommen. Alle Kurse und Termine findest du auf unserer Seite zur Selbstverteidigung für Frauen.
Häufige Fragen
Ist ein Übergriff durch Bekannte weniger schlimm als durch einen Fremden?
Nein. Ein Übergriff durch Bekannte zerstört zusätzlich Vertrauen und betrifft oft den Freundeskreis, die Arbeit oder die Familie. Viele Betroffene leiden gerade deshalb lange darunter.
Bin ich mitschuldig, wenn ich mit ihm getrunken oder geflirtet habe?
Nein. Flirten, Trinken oder ein Treffen bei ihm zu Hause sind keine Einwilligung. Die Verantwortung für einen Übergriff trägt allein der Täter.
Muss ich den Täter anzeigen?
Nein, das entscheidest du. Die vertrauliche Spurensicherung der LMU sichert Beweise, ohne dass du sofort Anzeige erstatten musst. Beratung bekommst du beim Hilfetelefon 116 016 oder beim Frauennotruf München 089 763737.
Hilft ein Selbstverteidigungskurs gegen einen Übergriff durch Bekannte?
Die EAAA-Studie zeigt, dass Training, das genau auf Situationen mit Männern aus dem Umfeld zielt, die Rate vollendeter Vergewaltigungen fast halbiert hat. Ein Kurs gibt dir Übung im Erkennen und Handeln. Eine Garantie gibt es nicht.
Kann ich auch nach einer Gewalterfahrung zu euch kommen?
Ja. Du bestimmst dein Tempo, du kannst jederzeit aussetzen, und Berührungen werden vorher angesagt. Wenn du unsicher bist, sprich vorher mit uns oder schau dir das kostenlose Probetraining an.
Fazit: Der Übergriff durch Bekannte braucht einen ehrlichen Blick
Der Täter ist meistens kein Fremder. Diese Erkenntnis ist unbequem, aber sie ist die Grundlage für echten Schutz. Wer die Muster kennt, erkennt Grenzverletzungen früher, nimmt das eigene Bauchgefühl ernst und hat einen Plan, wenn es darauf ankommt. Und wer es erlebt hat, soll wissen: Die Schuld liegt beim Täter, und Hilfe gibt es sofort.
Notruf 110 · Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 116 016 · Frauennotruf München 089 763737 · Vertrauliche Spurensicherung Rechtsmedizin LMU 089 2180-73011
Du musst nichts beweisen und nichts vorher können. Das Probetraining ist kostenlos und unverbindlich: Du siehst dir Raum und Training an und entscheidest danach.